Geistliches Wort:Künstliche Intelligenz

Am Pfingstmontag erschien das erste große Lehrschreiben (lat. Enzyklika) von Papst Leo XIV. mit dem Titel „Magnifica humanitas“ (Die großartige Menschheit). Darin kommt er auf die Herausforderungen der heutigen Zeit zu sprechen, die gerade im Umgang mit neuen Technologien bis dahin nicht gekannte Dimensionen erreichen. Was früher noch in Perry-Rhodan-Romanen eine beliebte fortlaufende Science-Fiction-Serie gewesen war, bei der man sich zur Entspannung in eine erfundene Welt versetzen konnte, bekommt zunehmend realen Charakter. Künstliche Intelligenz hat immer mehr Einfluss im Großen wie im Kleinen und nicht alles ist schlecht: „Technologie hat die Kraft zu heilen, zu verbinden, zu bilden und unser gemeinsames Haus zu schützen“ (MH 9), so Papst Leo XIV. Aber er fährt mahnend fort: „[S]ie kann auch spalten, ausschließen und neue Formen der Ungerechtigkeit erzeugen“ (ebd.). Es wäre unmöglich, in ein paar wenigen Zeilen eine umfassende Erläuterung zu diesem Schreiben zu geben, aber zumindest so viel: es hat es in sich!
Ein Papst – für Gläubige der Stellvertreter Christi auf Erden, für dialogbereite Nicht- oder Andersgläubige zumindest eine gewichtige Stimme religiöser Institution – stellt entscheidende Fragen im Hinblick auf eine Welt, die ohne Zweifel großartige Fortschritte auf vielen Bereichen errungen, erkämpft und erlitten hat. Aber er erteilt einem positivistisch-naiven Fortschrittsglauben eine Absage und lenkt den entscheidenden Blick auf die menschlich-personale Verantwortung, die keine Maschine, kein Algorithmus übernehmen kann, weil künstliche Intelligenzen „keine Erfahrungen [machen], keinen Leib [besitzen], weder Freude noch Schmerz [empfinden], nicht in Beziehungen [reifen], nicht von ihrem Inneren her [wissen], was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet“ (MH, 99). Hier wird nicht die Wissenschaft klein gemacht, sondern die menschliche Würde und die darin wurzelnde Verantwortung auf eine Höhe gestellt, die ihr zukommt und die lange Zeit (gerade unter dem Einfluss menschenverachtender Ideologien von rechts wie links) in Vergessenheit zu geraten schien. Großartig ist der Mensch geschaffen, noch wunderbarer wiederhergestellt und erneuert in dem einzigartigen Opfer Jesu Christi.
Als Christen gilt der Beitrag unserer Verantwortung exponentiell: das Wahre, das Schöne und das Gute – das höchste Gut: Gott selbst – erfahrbar zu machen, was keine Maschine kann, das geht nur in Begegnung, von „Herz zu Herz“ (John Henry Newmann). Im Juni feiern wir das Herz-Jesu-Fest (Freitag, der 3. Woche nach Pfingsten, dieses Jahr: 12.6.) – lassen wir uns auf Seinen Herzschlag ein, damit unsere Herzen beginnen „höher zu schlagen“ für die Sorgen und Anliegen der konkreten Welt um uns herum.
Ihr Pfarrvikar Dominik Rieder